Im Februar haben wir zum zweiten Mal zu "Anpacken mit Ela Mo" eingeladen — unserer neuen Event-Reihe, bei der Ela Mo Kund*innen für ein paar Stunden bei unseren Impact-Partnern mit anpacken. Diesmal waren wir in Berlin, in der Lagerhalle der Berliner Tafel e.V. am Großmarkt. 20 Kund*innen halfen für vier Stunden: Kisten schleppen, Lebensmittel sortieren, Paletten stapeln. Am Ende waren wir erschöpft und glücklich.
Was ich an diesem Abend nicht wusste: Die Frau, die das alles vor 33 Jahren angefangen hat, fuhr damals mit ihrem Privat-PKW durch Berlin, um Essen einzusammeln. Nur sie und ihr Auto.
Sabine hat damit nicht nur in Berlin etwas bewegt, sondern eine Bewegung gestartet: Lebensmittel von dort nehmen, wo sie im Überfluss sind, und den Tisch decken für die, die es sich selbst nicht leisten können. Heute erreichen 976 Tafeln in ganz Deutschland 1,5 Millionen Menschen.
Ich habe Sabine Werth getroffen, um ihre Geschichte zu hören. 💛

Tischlein deck Dich
1993 saß Sabine in einer Veranstaltung ihrer Frauengruppe. Es ging um Obdachlosigkeit in Berlin – und darum, dass Obdachlose zu dieser Zeit gewaltsam aus den Innenstädten vertrieben wurden. Eine Frau berichtete über City Harvest in New York: Ehrenamtliche, die nach Empfängen übrig gebliebenes Essen einsammeln und an Obdachlose verteilen.
Die Idee war einfach. Warum nicht auch in Berlin?
Die Frauen legten los. Fünf-Sterne-Hotels kochten zweimal pro Woche extra für etwa 70 Menschen. Doch nach und nach merkte Sabine: Sie war die Einzige, die wirklich durchzog.
„Ich habe relativ schnell festgestellt, dass die Mädels immer nur kamen, wenn die Presse kam. Ansonsten war ich mehr oder weniger alleine. Und dann habe ich gedacht: Na gut, das mache ich alleine besser." (Sabine Werth)
Also nahm sie den Namen mit, den sie sich gemeinsam ausgedacht hatten, und machte allein weiter. Kurz war auch der Name „Tischlein deck dich" im Gespräch.
„Ich habe eine Schwäche für Märchen. Da fiel mir ein, dass in dem Märchen der Satz ‚Knüppel aus dem Sack' vorkommt. Und wenn gerade Polizeigewalt in deutschen Landen gegen Obdachlose umgeht, dann können wir das unmöglich Tischlein deck dich nennen." (Sabine Werth)
Stattdessen: „Berliner Tafel e.V." – einen Tisch decken für die, die es sich selbst nicht leisten können.

Von einem Auto zu 26 Sprintern
Ein Artikel in einem Berliner Stadtmagazin, ein PS unter dem Text: „Berliner Tafel sucht Ehrenamtliche." 100 bis 120 Menschen meldeten sich. Die Idee verbreitete sich. Sabine rief in München an, wo eine ähnliche Initiative entstanden war, und schlug vor, sich ebenfalls „Tafel" zu nennen.
Heute gibt es 976 Tafeln in ganz Deutschland. 77.000 Ehrenamtliche. Allein in Berlin: 26 Sprinter, 830 Tonnen Lebensmittel im Monat, 164.000 monatliche Gäste bei den Lebensmittelausgaben.

Und Sabine? Finanziert ihr Engagement seit 33 Jahren komplett selbst – durch ihre eigene Firma, eine Familienpflege, die sie schon vor der Tafel gegründet hatte. Irgendwann hat sie den ganzen Betrieb auf den Großmarkt verlegt. Um jeden Tag bei der Tafel sein zu können.
33 Jahre. Ehrenamtlich. Jeden Tag.
Was man am Anfang nicht sieht
Ich habe Sabine gefragt, was sie heute sieht, das es damals nicht gab. Ihre Antwort war ernüchternd.
Als die Tafel anfing, wurde die Existenz von Armut in Deutschland politisch verneint. Heute ist sie anerkannt – und leider gewachsen. Während der Inflationsspitze kamen plötzlich Menschen zur Tafel, die nie gedacht hätten, dass sie jemals Hilfe brauchen.
„Plötzlich standen ganz viele Menschen der Mittelschicht bei uns in den Ausgabestellen und sagten: Nie hätte ich gedacht, mal zur Tafel gehen zu müssen." (Sabine Werth)
Und weiter sagt Sabine: "Das waren 55 plus-Jährige, die ihre Arbeit verloren hatten. Wenn die sich irgendwo beworben haben – ‚55 plus, meine Güte, das nehmen wir doch nicht mehr' haben sie als Antwort bekommen. Die Menschen haben von ihren Ersparnissen gelebt und als diese aufgebraucht waren, kamen sie plötzlich zu uns."
Aber die Frage, wer am Ende dieser Kette steht, vergisst man schnell. Hannelore, die im Februar bei "Anpacken mit Ela Mo" dabei war, hat es danach auf den Punkt gebracht:
„Der Abend hat mir deutlich gezeigt, in welcher Überflussgesellschaft wir leben – und wie wichtig es ist, dass es Menschen gibt, die sich für andere einsetzen." (Hannelore)

Wut, die etwas bewegt
Sabine kämpft gegen ein System, das sie für „krank" hält.
„Dass Überfluss zum System gehört und Vernichtung von diesem Überfluss – das ist irgendwie krank. Das ist eindeutig krank." (Sabine Werth)
Diese Wut macht Sabine nicht ohnmächtig – im Gegenteil. Sie sitzt an runden Tischen, spricht mit der Berliner Justizsenatorin, schlägt konkrete Gesetzesänderungen vor. Sie fordert, überschüssige Ernte nicht unterzupflügen, sondern zu verteilen. Dass Unternehmen keine Umsatzsteuer mehr auf gespendete Lebensmittel zahlen müssen. Dass große Verkaufsstätten – wie in Frankreich bereits Gesetz – übrig gebliebene und noch genießbare Lebensmittel an gemeinnützige Organisationen abgeben müssen.
Und sie wird gehört. Das war nicht immer so. Aber nach 33 Jahren kommt die Politik zu ihr.
Ich mag Macht
Was mich im Gespräch überrascht hat: Sabine redet offen über etwas, das viele sich nicht trauen.
„Ich bin eindeutig eine Person, die gerne an der Spitze steht. Und ich finde es wichtig, dass wir Frauen das auch mal sagen, wenn wir das mögen. Denn das hat immer so ein Geschmäckle, wenn eine Frau sagt: Ich mag Macht. Und solange Macht richtig genutzt wird und nicht für eine falsche Sache – finde ich das völlig in Ordnung." (Sabine Werth)
Mutterstolz
Und dann gibt es noch eine andere Seite, die Sabine am Laufen hält.
„Ich stand letztens in der Halle und guckte mich so um und beobachtete alle bei der Arbeit. Ein Kollege kam vorbei und schaute mich so an – so nach dem Motto: Kontrolliert sie, oder was macht sie? Und ich sagte dann einfach nur: Das ist Mutterstolz, der mich hier gerade packt." (Sabine Werth)
Das Prinzip dahinter ist so einfach, dass es fast banal klingt: Lebensmittel von dort nehmen, wo sie im Überfluss sind, und sie dorthin bringen, wo sie gebraucht werden. Robin Hood mit Sprintern – und auf der legalen Seite, wie Sabine sagt.
Und genau diese Einfachheit ist es, die Menschen zusammenbringt. Fremde werden innerhalb von Minuten zu einem Team, wenn sie sehen, dass ihre Arbeit unmittelbar etwas bewirkt.

Petra, die bei unserem "Anpacken mit Ela Mo" in der Halle dabei war, hat das so beschrieben:
„Bemerkenswert war für mich, wie schnell fremde Menschen durch ein gemeinsames Ziel zusammenfinden." (Petra, Teilnehmerin bei "Anpacken mit Ela Mo")
Die Berliner Tafel hat daraus längst eigene Formate entwickelt: „Afterwork-Sortierungen" ab 17 Uhr, „Beats and Brokkoli", sogar eine „Rave Sortierung" am Abend vor der Loveparade-Nachfolge-Demo. Sabine weiß: Engagement funktioniert am besten, wenn es Spaß macht.
„Ehrenamt muss Freude machen. Und es ist ein unendlich schönes Gefühl, ehrenamtlich engagiert zu sein." (Sabine Werth)
Mit 90 in Teilzeit
Auf meine Frage, was sie sich für die Zukunft wünscht, sagt Sabine: „Ich habe mir vorgenommen, mit 90 gehe ich auf halbtags." (Sabine Werth)
Und dann, einen Moment später, etwas Leiseres:
„Ich bin insgesamt nicht gerade die gesündeste Person. Aber meine viele Aktivität hält mich wirklich aufrecht. Sobald ich für die Tafel aktiv bin, dann bin ich fit. Dann kann ich laufen und dann ist alles fein." (Sabine Werth)
Für die Berliner Tafel wünscht sie sich, dass die große Halle am Großmarkt endlich fertig wird. Und für uns alle? „Ich wünsche mir von der Politik, dass sie sich wieder mehr um die Gesellschaft kümmert. Dass es weggeht von der Prinzipienreiterei und den Beschimpfungen. Der Ton in unserer Gesellschaft ist unangenehm geworden. Der freundliche Umgang miteinander ist viel schöner." (Sabine Werth)
💛 Den Tisch mitdecken
Sabine Werth ist mit einem Auto losgefahren und hat eine deutschlandweite Bewegung ausgelöst.
Was bei mir hängen geblieben ist: Es braucht nicht viel, um etwas zu bewegen. Manchmal reicht ein Auto. Manchmal ein paar Euro oder ein paar Stunden Zeit.
"Anpacken mit Ela Mo" geht weiter – und Du kannst den Tisch mitdecken: direkt hier auf elamo.me. Mit einer Spende an die Berliner Tafel unterstützt Du ihre Arbeit, und die Ela Mo Stiftung verdoppelt Deinen Beitrag.
Du möchtest zusammen mit anderen Kund*innen etwas Sinnvolles tun? Hier erfährst Du mehr über "Anpacken mit Ela Mo".











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