"Ich möchte in einer Gesellschaft leben, die füreinander einsteht."

Es gibt so viele Menschen, die Ihren ganz persönlichen Weg gefunden haben und uns inspirieren - durch ihre Lebensgeschichten und ihr Tun. Sie sind für uns Wegbereiter*innen. An dieser Stelle möchten wir Euch solche Menschen vorstellen oder sie selbst zu Wort kommen lassen. Sie geben persönliche Einblicke und erheben Ihre Stimmen zu wichtigen Themen, die uns und unserer Community am Herzen liegen.
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Helena Steinhaus ist Aktivistin für soziale Gerechtigkeit. Sie gründete 2015, mit 28 Jahren, den Verein “Sanktionsfrei” und weiß aus eigener Erfahrung, was es bedeutet, am Existenzminimum zu leben. Daher setzt sie sich für eine Gesellschaft ein, die Menschen darin bestärkt und unterstützt, Ihre individuellen Fähigkeiten angstfrei entdecken und weiterentwickeln zu können. 
Ihr Verein “Sanktionsfrei” gleicht Hartz 4-Sanktionen und andere Kürzungen aus einem spendenfinanzierten Solidartopf bedingungslos aus und und macht Öffentlichkeitsarbeit, um das Thema Armut und Arbeitslosigkeit zu entstigmatisieren.  Gemeinsam mit Ihrem Team setzt Helena alle Hebel in Bewegung, um in einer Gesellschaft zu leben, die füreinander einsteht. Menschen sollen ihren Weg mit Vertrauen und Unterstützung finden dürfen und strafende Sanktionen sollen endgültig der Mottenkiste der Geschichte angehören. 
Helena auf Instagram: @heleriouss
Sanktionsfrei auf Instagram: @sanktionsfrei
Sanktionsfrei auf Facebook: @sanktionsfrei

Wusstest Du schon immer, dass Du eine Aktivistin für soziale Gerechtigkeit werden würdest? 

Als Kind dachte ich, dass ich mal für den WWF oder so arbeiten würde. Ich bin ganz früh Vegetarierin geworden, weil mich Massentierhaltung dermaßen geschockt hat. Ebenso das Aussterben von Tierarten. 

Wie sah Dein Weg seither aus?

Kurvig. Dass meine Mutter alleinerziehend war und 2005 Hartz 4 bekommen hat als es eingeführt wurde - ich also als Jugendliche quasi zur ersten Hartz 4 Generation gehörte - war zwar immer ein Teil meiner Geschichte, aber ich habe damals keine Systemkritik entwickelt. Das kam erst später mit der Auseinandersetzung mit dem Grundeinkommen und damit verbunden der Gründung von Sanktionsfrei.

Was treibt Dich an?

Einerseits treibt mich natürlich das Feedback an, das wir häufig von Menschen bekommen, die wir mit Sanktionsfrei unterstützen konnten. Aber vor allem bin ich davon überzeugt, dass eine gesunde Demokratie eine handlungsfähige Basis braucht, anstatt Existenzkämpfe. Hartz 4 macht viele Menschen krank und nimmt ihnen die Kraft, sich entsprechend ihrer Fähigkeiten an der Gesellschaft zu beteiligen. Die Angst vor dem Abstieg in Hartz 4 reicht außerdem weit bis in die Mitte der Gesellschaft.  

Wie gehst Du mit Rückschlägen um?

Rückschläge gibt es natürlich. Ich erinnere mich z.B. an das Urteil des Bundesverfassungsgerichts von 2019, das zwar Hart 4-Sanktionen teilweise als verfassungswidrig eingestuft hat (juhu!), andererseits aber auch Sanktionen bis 30 % weiterhin als zulässig erklärt hat. Ich halte das für falsch. Wenn man sich nicht mit Hartz 4 auskennt ist es leicht zu denken, dass ja 30% nicht so dramatisch seien, die prekäre Lage von Hartz-4-Beziehenden mit dem Urteil  also entschärft worden sei. Dem ist aber eindeutig nicht so. 30% Abzug vom Existenzminimum  macht die Menschen weiterhin erpressbar und verschärft die ohnehin schon bestehenden Existenzängste. Das Machtungleichgewicht zwischen Behörde und Individuum ist also leider bestätigt worden. Solche Rückschläge helfen mir dabei, mich auf das eigentliche Ziel zu besinnen und mindestens genauso entschlossen dran zu bleiben, wie vorher. 

In welcher Situation hast Du zuletzt Mut benötigt?

Als unsere Zwillinge zur Welt kamen. 

Was hat Dich jüngst inspiriert und warum?

Hier kommen drei aktuelle Buchtipps: 1. Jean Peters, Gründer vom @pengcollective erzählt in „Wenn die Hoffnung stirbt, geht’s trotzdem weiter“ unglaubliche Geschichten aus dem subversiven Widerstand. 2. Mohamed Amjahid, @m_amjahid, gibt in „Der Weiße Fleck“ eine Anleitung zum antirassistischen Denken. 3. Hengameh Yaghoobifarah, @habibitus, „Ministerium der Träume“, ein Roman. 

In was für einer Welt wünschst Du Dir, zu leben? 

In einer Welt, in der wir mutig umverteilen, um die Schere zwischen Arm und Reich zu verkleinern. Ungleich verteilte Privilegien, nicht nur materieller Natur, werden in meiner Wunschwelt öffentlich anerkannt und dann freiwillig abgegeben bzw. geteilt. Platt und verkürzt gesagt: alte weiße Männer machen die Bühne frei. 

Welche Erwartungen verbindest Du mit der Bundestagswahl 2021?

Ich erwarte von der neuen Regierung, dass sie einerseits klimapolitisch richtig in die Breschen springt und natürlich andererseits den Sozialstaat reformiert. 

Was macht Dich glücklich?

Die Zwillinge. Schlaf. Reisen, tanzen, singen, alleine sein. 

Welche drei Dinge hast Du immer bei Dir, wenn Du unterwegs bist? 

Wasser, Ohropax und naja, Überraschung: mein Telefon. 

Welchen Tipp hättest Du für Menschen, die gerne etwas bewegen würden, sich aber nicht trauen?

Einfach machen! Riskieren, dass man sich vielleicht blamiert; aber aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass das schnell wieder vergessen wird.